17.Januar 2013


Neues Gemälde "Liebespaar"


Werke eines anderen Künstlers neu zu interpretieren ist ohnehin schon schwierig genug. Aber gerade bei Otto Müller ist das besonders schwierig. Die Probleme beginnen schon damit, dass es schlicht nicht bekannt ist, wie die Bilder nach der Fertigstellung aussahen. Otto Müller hat auf Rupfen gemalt, einem groben, ungereinigten Sackleinen, welches eigentlich nicht zum Malen geeignet ist. Gemalt wurde es mit Leimfarben, die er angeblich selbst hergestellt hat. Diese beiden Materialien kamen einer Zerstörung der Werke gleich, die Säure des Sackleines zerfrisst die Farbe, die Bilder werden immer dunkler, die Farben treten immer mehr zurück. Es scheint keine Fotos des Ursprungszustands zu geben, nur verschieden alte Bilder, die den Zerstörungsprozess aufzeigen:



Wie schlimm das wird, zeigte ein anderes Otto-Müller-Bild welches ich in einer Ausstellung in Wien gesehen habe: Es war vollständig braun geworden, nur die schwarzen Umrisslinien waren noch erkennbar.

Das zweite Problem besteht aus dem direkten Zusammenwirken dieser beiden Materialien. Offenbar wurde der Rupfen nicht grundiert. Brauens Material leuchtet durch alle Farbbereiche durch, in den Löchern des Sackleines ist oft keinen Farbe. Diese Struktur ist jedoch einzigartig, läßt sich kaum mit anderen Materialien simulieren. Die zähflüssige Leimfarbe wurde mit relativ dicken Borstenpinseln aufgetragn, kein typischer Duktus wurde verwendet. Mehrere Farbschichten liegen übereinander und zusätzlich wurde das Bild übermalt. Diese Vorgehensweise führt zu einer Struktur, die in weiten Bereichen zufällig ist, anhängig von der Rauhheit des Sackleinens, der Zähflüssigkeit der Farbe, der Farbmenge und der Pinselgröße. Ohne über exakt die gleichen Materialien zu verfügen ist es unmöglich, die sich ergebende Textur zu imitieren. Die Ergebnisse werden immer plakativer und klarer sein und nehmen damit dem Gemälde jene lockere Schlampigkeit, die diese Phase des Expressionismus ausmachte. Was man jedoch erhalten kann ist der Ausdruck des Bildes und seine Dynamik. Und hier muss der Schwerpunkt gesetzt werden.



Was das Unterfangen jedoch weiter erschwert, ist die Tatsache, dass Otto Müller das Bild zu einem späteren Zeitpunkt nochmals übermalt hat, was Farbschichtkombinationen zur Folge hatte, die einfach nicht nachvollziehbar sind. Zusätzlich ist nur ein s/w-Foto erhalten, welches die Ursprungsversion zeigt. Man erkennt, dass alle Hände neu gemalt wurden und die Outlines überarbeitet wurden. Auch Flächen (wie die Jacke des Mannes) scheinen neu eingefärbt worden sein.


Die Komposition

Da heutige Betrachter eher selten Merkmale der Bildkomposition wahrnehmen, ist es angebracht, ein paar Worte dazu zu sagen. Das Paar bildet eine Dreiecksfigur, umrahmt man die Köpfe, Schultern und Arme entsteht ein Dreieck, das alte Symbol der Weiblichkeit. Die Proportionen der beiden Figuren wurden daher so angepasst, dass sie dieses Dreieck bilden konnten. Die weibliche Dominanz des Bilds wurde weiter hervorgehoben indem der Mann sich dem Betrachter abwendet und seiner Geliebten zuwendet, ein leeres Gesicht ohne Struktur, währen die Frau sich dem Betrachter zuwendet, ihn anlächend mit einem fein gezeichnetem, zartem Gesicht. Noch weiter wurde die weibliche Note hervorgehoben, in dem ein starker sinnlicher Aspekt einbezogen wurde, die von den eigentlich unmotivierten nackten Brüsten und der überzogenem Becken der Frau getragen wird. Ein sehr weibliches Bild. Mich fasziniert die Reinheit der Konzeption.


Der Malprozess

Das Original hat eine Größe von 80x106 cm. In der verfügbaren Zeit standen mir Keilleisten mit einer Länge von 106 cm nicht zur Verfügung, ich wählte daher 105 cm. Das Format war also 80x105 cm, eine schon recht flotte Größe. Der Keilrahmen wurde mit einer sehr kräftigen Leinwand mit industrieller Grundierung bespannt. Vier Mal wurde die gespannte Leinwand mit hauchdünnen Gesso-Schichten überzogen. Dann wurde das Motiv grob übertragen. Anfänglich wurden nur Flächen monochrom grundiert, erst die nachfolgenden Schichten ergeben die eigentliche Farbstruktur.



Das Bild wurde mit Acrylfarben (PrimaCryl von Schmincke) gemalt. Um wenigstens halbwegs einen ähnliche Farbeigenschaft wie Leimfarbe zu bekommen, wurde das Mattierunsmittel von Schmincke großzügig untergemischt. Das eigentliche Problem bestand jedoch darin, dass nahezu alles mit einem "trockenen" Pinsel gemalt werden musste, was bei den schnell trocknenden Acrylfarben nicht trivial ist.


Schicht für Schicht wurde aufgetragen. Man erkennt gut, dass z.B. die blaue Jacke braun untermalt wurde. Am Ende wurden die Outlinies nachgezogen und die Highlights gesetzt.




Der Ergebnis


Liebespaar (nach einem Gemälde von Otto Müller)
Acryl auf Leinwand - 80x105 cm



Das Bild an der Wand